Stefanie Steenken

Wir können an einem Tisch sitzen
und so weit voneinander entfernt sein,
wie noch nie.
Uns können Länder trennen
und doch sind wir uns nah.
Wir können auf das Gleiche schauen
und doch anderes erkennen.
Wir können miteinander reden
und nichts von dem Gesagten verstehen.
Und wir können uns in die Augen sehen
und alles Ungesagte wissen.

2018 © Stefanie Steenken 
Foto: Pixabay 

Bilder rauschen an mir vorbei. Objektive bleiben nur Sekunden in einem Blickwinkel. Man kann keinen einzigen Gegenstand festhalten. Sie fliegen zu schnell vorbei. Ich träume mir Sachen in diese Landschaften hinein, verbinde meine Vorstellungen mit den Augenblicken. Doch festhalten kann ich nur meine Wünsche. Gedanken. Meine Phantasie. Es ist wie ein endloses Spiel. Ich versetze mich in dieses, als wäre es mein Leben. Abschnitte, die sich widerspiegeln, als ob sie mir etwas zeigen wollen. Und ich bin mitten drin. Endlos, schnell und monoton zieht alles an mir vorbei. Nicht – und doch erwartungsvoll gucke ich zu. Es bleibt bei den sich immer wieder verändernden Bildern, in die man nicht auch nur für länger als einige Sekunden eintauchen kann. Gerade wenn man sich etwas Bestimmtes genauer ansehen will, ist es schon wieder in Eile vorbeigezogen und ein neues Bild wird sichtbar, das interessant wirkt – und schon wieder vorbei.

Doch plötzlich taucht ein Gegenstand auf, der mich blendet. Er strahlt – und bleibt. Er scheint mitzufliegen mit der Geschwindigkeit des Zuges. Auf einmal ist ein Gleichnis in jedem dieser immer neu werdenden Bilder. Jedes ist anders, doch enthält es dasselbe. Diesen wunderschönen roten Ball. Es erhebt den Anschein, als würde er mich begleiten. Im Moment habe ich das Gefühl, nicht alleine zu sein. Das Auftauchen der Sonne hat alle Bilder verschmolzen. Sie hat etwas dazugegeben, was du nicht betiteln kannst, dir aber ein gutes Gefühl gibt. Du bist nicht mehr so einsam. Jetzt hast du jemanden, der dich begleitet, dich nicht verlässt, egal, was für verschiedene Perspektiven sich ergeben; sie ist immer im Hintergrund.

Für mich aber steht sie im Vordergrund. Sie strahlt so, dass die eigentlichen Bilder verblassen und grau werden. Nebensächlich. Ich bin erstaunt über die Schönheit und Wärme, die sie ausstrahlt und mir zu geben gibt. Und plötzlich ist sie verschwunden. Weg. Untergegangen. So schnell, wie dieser Lichtblick gekommen, so schnell ist er wieder gegangen. Aus einem anderen Blickwinkel könnte man sie jetzt noch erkennen, sich an ihr noch eine Weile erfreuen. Doch ich fahre weiter. Morgen wird sie wieder aufgehen, Dinge verzaubern, in ein glänzendes Licht stellen. Aber du weißt nicht, aus welchem Blickfeld du sie morgen siehst. Vielleicht scheint sie nicht für dich. Vielleicht stehst du am falschen Platz. Doch irgendwen wird sie blenden, so wie mich eben.

Jetzt ist alles wieder dunkel. Dunkler als vorher. Die Bilder rauschen an mir vorbei. Ein ständiger Wechsel. Der Zug hält an und ich steige aus.
Es ist, als würde alles an mir vorbeirauschen, obwohl die Bilder jetzt stehen und nur ich mich drehe.
Ganz langsam weitergehen.

1993 © Stefanie Steenken 
Foto: Stefanie Steenken 

Ich bin unendlich traurig,
dass du nicht mehr da bist.
Aber ich bin unendlich dankbar,
dass du da warst.

Ich bin unfassbar traurig,
nicht mehr in deinen Armen versinken zu können.
Aber ich bin unfassbar dankbar,
es so lange getan zu haben.

Ich bin unabsehbar traurig,
nicht mehr in deine Augen zu schauen.
Aber ich bin absolut stolz,
dass du so tief in meine blicktest.

Ich bin unsagbar traurig,
weil du so tief in meinem Herzen verankert bist.
Und ich bin unsagbar dankbar,
weil du so tief in meinem Herzen verankert bist.

2019 © Stefanie Steenken 
Foto:  Pixabay 

Geh Umwege.
Denn oft sind es genau die,
die dich zum Ziel führen.

1999 © Stefanie Steenken 
Foto: Stefanie Steenken 

Ich habe nichts zu verlieren,
außer meiner Zeit.
Ich habe nichts zu überwinden,
außer meiner Angst.
Ich habe niemandem etwas zu beweisen,
außer mir selbst.

2018 © Stefanie Steenken 
Foto: Stefanie Steenken 

Du fragst mich,
ob ich was für dich empfinde,
ob ich dich mag.

Ich dachte,
das kann man in meinen Worten lesen,
an meinen Taten erkennen,
in meinen Blicken sehen
und im Herzen spüren.

Ich glaubte,
du kannst es lesen,
erkennen
und sehen.

Ich merke,
für dich war dies alles unsichtbar.
Denn du kannst es nicht fühlen.

2018 © Stefanie Steenken 
Foto: Pixabay 

Wir kennen uns schon so lang.
Und jetzt hast du Angst vor meiner Stimme?
Es ist noch dieselbe!

Wir schreiben uns schon so lang.
Und jetzt hast du Angst vor meinen Worten?
Es sind immer wieder die gleichen.

Mir geht es genauso. Ich verstehe dich.
Beim nächsten Mal
reichen wir uns die Hände.
Dann sind Worte unnötig
und die Angst überflüssig.

2018 © Stefanie Steenken 
Foto:  Pixabay 

Kurz vor zehn. Für meine Verhältnisse schon recht spät, ich gehe sonst um halb neun schlafen. Ich liege im Bett und überlege, ob ich noch in mein gerade angefangenes Buch schauen soll, verwerfe diese Idee aber und lege es ungelesen zur Seite. Zu müde. Zu kaputt. Als Mathilda das erste Mal schreit, muss ich gerade eingeschlafen sein. Es hört gleich auf. Mathilda schreit weiter. „Schsssst, schsst!“ Es hört gleich auf. Ich fühle mich gerädert, will nur schlafen. Mathilda weint noch immer. Da ich anhand der Lautstärke und dem Tonfall des Weinens erkennen kann, sie wird nicht aufhören, stehe ich auf. Sie scheint Schmerzen zu haben. Ich gehe hinüber und streichele ihr über das Köpfchen. „Was ist, Mathilda?“ Sie sagt: „Bauchweh“ und weint weiter. Ich decke sie zu. Sie strampelt die Decke weg und schreit lauter als zuvor. Ich hole ihr einen Schluck Wasser. „Magst du was trinken?“ „Nein!“ Ich stelle das Wasser wieder weg. Jetzt schreit sie dermaßen laut, dass auch ich lauter werde. „Psst, Mathilda!“ „Trinken!“, japst sie. Ich hole wieder das Wasser und reiche ihr das Glas. „Nein!“ Ich atme tief durch und lasse den Becher diesmal einfach neben uns auf dem Boden in Reichweite stehen. Ihre große Schwester Sophie wacht auf und hält sich die Ohren zu. „Mathilda ist so laut!“

„Mathilda, pst! Ist ja gut.“ Ich nehme Mathilda aus ihrem Bettchen und gehe mit ihr aus dem Zimmer. Sophie fängt an zu weinen. Ich kann nicht mehr, ich will schlafen. Hört auf zu heulen, bitte! Mit Mathilda auf dem Schoß auf der Bettkante im Schlafzimmer sitzend, rufe ich: „Thomas, könntest du bitte mal?!“ Thomas schläft. „Sophie bitte, Mathilda hört doch gerade wieder auf und ist leise, wieso weinst du denn?“ Sie schreit so laut, dass sie mich natürlich nicht hört unter dem Gejaule. „Thomas“?! „Mmmh?“ „Ich will Papa“ ertönt es von drüben. „Papa, Papa!“ Ich schreie meinen Mann an: „Es reicht jetzt, geh rüber, sie schreit nach Papa!“ Thomas nimmt wütend sein Bettzeug und geht ins Kinderzimmer.

Mit Mathilda auf dem Arm gehe ich hinunter in die Küche. Mist, ich habe das Kirschkernkissen oben vergessen. Ich versuche Mathilda auf die Couch zu setzen, aber sie schreit nur noch lauter und klammert sich an mir fest. Mit ihr zusammen, sie auf meinem Arm, immer noch weinend, tappe ich wieder hoch. Im Wäscheschrank unseres Spielzimmers befindet sich das Wärmekissen. Sophie weint wie am Spieß, kein Wunder bei dem Krach. Ich gehe wieder runter, mein Arm tut weh, Mathilda ist ganz schön schwer geworden. Das Kissen in der Mikrowelle erwärmend, setze ich mich mit ihr aufs Sofa. Oben ist es ruhig geworden. Wiegend und summend beruhigt sich zum Glück nun auch meine Jüngste langsam auf meinem Schoß. Die Mikrowelle piept. Verdammt! Mathilda fängt schon wieder an zu weinen. Ich springe mit ihr auf und laufe in die Küche. Dort mache ich das grelle Neonlicht an, drücke auf den Knopf, sodass die Tür aufspringt und das elende Piepen aufhört. Ich nehme das Kissen und knalle die Tür wieder zu, mache das Licht aus und gehe wieder zur Couch. Nach ungefähr einer dreiviertel Stunde ist der Atem meiner Tochter so gleichmäßig, dass ich den Versuch wage, sie wieder in ihr Bett zu legen. Bei diesem Versuch wird sie wach, schreit, „Mama Bett“ und ich reiße sie hoch und stampfe aus dem Zimmer. Weitere 15 Minuten wiegend, jetzt im Schlafzimmer sitzend, lege ich sie vorsichtig in die Mitte unseres Bettes. Sie wird wieder wach, lässt sich aber durch meine Worte beruhigen. „Mama holt nur deine Decke, du darfst hierbleiben, ja?!“ Schnell husche ich ins Kinderzimmer und hole Decke, Hasen und Schnuffeltuch. Beim Hinausgehen stolpere ich über Thomas Fuß und fluche still, aber niemand wird wach. Endlich Ruhe. Es ist jetzt halb zwölf. Wieder im Bett, Mathilda schläft oder ist zumindest ruhig, kuschele ich mich unter die Decke. Man bin ich fertig, geht es mir durch den Kopf.

Kurz bevor ich einschlafe, höre ich von drüben ein Wimmern. Sophie. Das kann doch nicht wahr sein! „Pst, Sophie, alles ist gut. Ruhe jetzt!“
Sophie weint. „Ich will zu euch ins Bett.“ Ich beiße mir so fest auf die Zähne, dass es weh tut. Ich stehe auf. Leise zu Sophie hinüber gehend sage ich: „Süße, Mathilda ist gerade eingeschlafen. Sie liegt heute bei uns. Sie ist krank. Papa ist hier und du schläfst jetzt wieder ein, ja!? Ich kann nicht mehr, ich muss schlafen, und du auch. Du schläfst so oft bei uns im Bett. Heute nicht. Heute geht es nicht. Gute Nacht!“ Ich streichele ihr über die Wange und verlasse das Zimmer. „Ich will aber!“ Sie fängt wieder an zu jammern. Meine etwas schriller werdende Stimme ertönt: „Es reicht! Ruhe jetzt!“ Wie lange soll das noch so gehen?

Eine halbe Stunde lang höre ich immer wieder: „Mama, ich will zu euch ins Bett.“ Mein Mann, bei dem es bekanntlich recht lange dauert, um ihn aus der Ruhe zu bringen, wird laut: „Es reicht! Ich bin doch da! Was ist denn noch?“ Je böser und lauter er wird und droht: „Wenn du jetzt nicht aufhörst, geh ich wieder rüber!“ Oder „Du kommst gleich in den Keller, da kannst du schreien!“ desto ruhiger werde ich. Mittlerweile hat das „Papa“, in „Ich will zu meiner Mama“ gewechselt und Thomas ist nun so wütend, dass er wirklich das Kinderzimmer verlässt. Er zieht wieder in unser Bett und schläft ungefähr in der Minute wieder ein, in der er seinen Kopf aufs Kissen gelegt hat. Erstaunlich. Vielleicht war er gar nicht wach?

Sophie schreit jetzt lauthals. Ich gehe zu ihr. „Ruhe jetzt. RUHE!“ Ich ziehe das Stillkissen unter den Bergen von Kuscheltieren hervor und lege es anstelle meiner ins Ehebett, damit die kleine Mathilda nicht hinausfallen kann. Dann gehe ich wieder zu Sophie, halte ihr die Hand und frage; „Was ist denn? Versuch bitte zu schlafen, es ist spät.“ Mittlerweile halb eins. Wie soll ich morgen den Tag überstehen?! Sophie weint und weint. „Ich möchte zu euch ins Bett.“ Immer noch ruhig, versuche ich ihr zu erklären, dass es heute nicht geht. „Ich will aber.“ „Mäuschen, es geht nicht, weil DEINE KRANKE SCHWESTER IM BETT LIEGT.“ Ich muss mich dermaßen zusammennehmen und beiße so fest die Zähne zusammen, dass mein ganzer Kiefer wehtut. Ich sage: „Ich bleibe noch ein bisschen hier, o.k.?!“ „Aber ich will zu euch ins Bett.“ „SOPHIE! Ich habe gesagt: Ich BLEIBE hier. Entweder, ich bleibe noch hier – und du schläfst wieder ein oder ich gehe gleich.“ „Ich will zu euch ins Bett!“ Kopfschüttelnd und schnaubend verlasse ich das Zimmer. Im Schlafzimmer stehend halte ich mir die Nasenflügel und versuche auszupusten.

Beim nächsten Schreien renne ich hinaus und reiße Sophie aus dem Bett. Ich zerre sie regelrecht ins andere Zimmer. Oh Gott, ich hasse mich dafür, das grenzt ja schon fast an Körperverletzung. Ich bin außer mir. Ich habe mich nicht mehr unter Kontrolle. Ich knalle die Tür zu, setze sie unsanft aufs Bett und mache das grelle Oberlicht an. An beiden Armen festhaltend schreie ich sie an: „WAS IST DEIN PROBLEM? Was willst du? Du schreist ´Papa´ und Papa kommt, dann ´Mama, Mama, Mama´ und ich halte dir drei Stunden Händchen. WAS WILLST DU JETZT?“ Selbstverständlich hört sie nicht auf zu weinen bei dem Geschrei meinerseits. Jetzt tut sie mir leid. Ich nehme sie auf den Schoss. Ich versuche zu atmen. Ich versuche durchzuatmen. Ich drücke sie an mich und sage: „Sophie, es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr. Ich muss schlafen, es ist mitten in der Nacht. Du musst schlafen!“ Ich versuche ihr mit viel zu vielen Worten zu erklären, warum ich müde bin, warum man schlafen muss, warum ihre Schwester heute bei uns im Bett liegt. Ich entschuldige mich für mein Schreien und sage ungefähr hundertmal: „Ich kann einfach nicht mehr, weißt du?!“ Ich wiege sie auf meinen Knien hin und her und gebe ihr einen Kuss. Hand in Hand gehen wir zurück ins Kinderzimmer, lege sie in ihr Bett und decke sie zu. Sophie schnieft.

Ich muss meine in Betracht ziehenden Gedanken stoppen. Ich erwäge ernsthaft, unser auf dieser Etage drittes Zimmer als Schlafstätte zu gebrauchen, damit dann Sophie mit mir nebenan schlafen kann. Das würde bedeuten: Mein Bettzeug ins Spielzimmer auf das dort bereits vorhandene Notfallbett bugsieren. Die Kindermatratze samt Sophie und Bettzeug und ihre acht Kuscheltiere und Puppen, ohne die sie nicht schlafen kann. Ist das jetzt pädagogisch sinnvoll? Nach diesem stundenlangen Geplärre bekommt sie ihren Willen und ich am nächsten Morgen Rückenschmerzen?! NEIN! Ruhe hätte ich dann zwar und sie ihren Willen. Es geht nicht. Sie verarscht uns. Es geht nicht, bleib hart! Also bleibe ich neben dem Bett von Sophie liegen. Es ist scheiße kalt, keine Decke in der Nähe – nur der Kopfkissenbezug, 80×80, der als Baby-Sommerdecke gedient hat. Allerdings haben wir mittlerweile winterliche Temperaturen und so übermüdet nehme ich mir den Bezug und decke damit meine eiskalten Füße zu. „Sophie, ich geh noch mal zur Toilette.“ Sie hat sich mit der Situation ´Mama neben Bett´ halbwegs abgefunden und glaubt mir, dass ich gleich wiederkomme. Was ich auch tue. Sie hält meine Hand. Zufrieden. Ich sage noch, „Mäuschen, ich kann hier aber nicht schlafen, ja, ich warte so lange, bis Du wieder eingeschlafen bist, und dann gehe ich wieder rüber.“ Sie fängt wieder an zu heulen. Das gibt es doch nicht, ich kann nicht mehr! Meine Nerven machen nicht mehr mit.

Ich atme. Ich versuche, ruhig zu bleiben. Ich bin ruhig. Ich sage: „Schatz, ich bin da.“ Ich bleibe hier, solange, bis du eingeschlafen bist. Ich betone jedes Wort einzeln. Mir ist saukalt. Ich kann nicht mehr sitzen auf dem Boden, mein Knie tut mir weh. Ich steh noch mal auf, sage zu Sophie, ich gehe noch mal runter in die Küche, meine Tabletten nehmen. Habe tatsächlich vergessen, meine Gute-Nacht-Pille einzuschmeißen, die mir für die heutige Nacht wohl kein Nutzen mehr bringen wird. Sophie hat sich wieder beruhigt. Ich schlucke meine Tablette, gehe wieder hoch und lege mich wirklich wieder ins Kinderzimmer, streiche Sophie über die Wange und lege mich neben sie auf den Boden.

Jedes Mal beim Atmen und Umdrehen bin ich extra laut, damit sie noch hört, dass ich immer noch da bin. Irgendwann schaffe ich es wirklich – auf allen Vieren – aus dem Zimmer zu schleichen. Alle schlafen. Toll, gleich zwei Uhr! Ich bin so gerädert und mir ist so kalt, dass ich mir aus dem Schrank im Spielzimmer noch eine Wolldecke holen muss. Auf dem Weg dorthin, welcher nur circa zwei Meter durch den Flur bedeutet, trete ich barfuß auf eine Playmobil-Taube. Der Schnabel des kleinen Tierchens bohrt sich so stark in meinen Fuß, dass ich aufkreische. Mir mittlerweile, und wahrscheinlich durch den Schmerz hervorgerufen, egal, ob hier irgendjemand oder alle wach werden, kicke ich die Scheiß-Taube unter die Treppe, sodass sie geradewegs zwei Stockwerke bis in den Keller fliegt. Die Geräusche, die dabei entstehen, sind nicht unbeträchtlich, aber keines der Kinder wird wach. Mit immer noch schmerzendem Fuß und warmer Decke, versuche ich mich, in meinem Bett eingemummelt, aufzuwärmen. Recht aufgewühlt und todmüde kreisen meine Gedanken darum, sofort einschlafen zu müssen, bevor hier wieder jemand wach wird. So gelingt es natürlich nicht und ich wälze mich hin und her und versuche mich abzulenken, indem ich mir für morgen meine Anziehsachen zurechtlege. Nur in Gedanken natürlich.

Viertel nach zwei. Thomas röchelt. Er macht Geräusche. „Psst, Thomas, du schnarchst!“ Er grunzt, dreht sich um – und Ruhe. Leider hält diese keine weiteren zwei Minuten an. Thomas atmet. Mein Mann liegt neben mir und atmet. Ich gebe auf. Ich hole wieder das Stillkissen, positioniere es als Wand für Mathilda und ziehe nun wirklich um, fege alles auf dem Bett im Spielzimmer achtlos auf den Teppich und lege mich hin.

Viertel vor drei. Ich denke an die Hausaufgaben meines Seminares. Was war das noch? Denken, Fühlen, Verhalten. Mit den Gedanken, dieses vielleicht alles mal aufzuschreiben, schlafe ich endlich ein.

2011 © Stefanie Steenken 
Foto: Pixabay 

Desto klarer ich denken kann,
desto unklarer wird mir deine Sicht.
Desto näher ich mir selbst komme,
desto mehr entferne ich mich von dir.
Desto besser ich mich mit mir selbst verstehe,
desto weniger akzeptiere ich dein Tun.
Desto überzeugter ich zu meinen Ansichten stehe,
desto weniger verstehe ich deine.
Desto mehr ich bei mir selbst ankomme,
desto weiter treibt es mich von dir weg.

2018 © Stefanie Steenken 
Foto: Stefanie Steenken 

Wenn du das Glück hast,
alle Sinne zu besitzen,
vertraue ihnen.
Lass dich leiten und
dir von ihnen den Weg weisen.

Wenn du nicht sehen kannst,
kannst du voraussichtlich besser riechen.
Und du kannst fühlen,
so viel, wie du willst.

Wenn du nicht hören kannst,
empfindest du keinen Krach.
Und du kannst lieben,
wen immer du gernhast.

Wenn du nicht schmecken kannst,
kannst du alles sehen, hören
und lachen, so laut du magst.

Wenn du nicht riechen kannst,
so musst du keinen Gestank fürchten.
Und du kannst singen,
was immer du möchtest.

Wenn du keine Gefühle hast,
kannst du sehen, hören, riechen und schmecken.
Aber was bringt dir all das,
ohne zu begreifen,
was du für ein Glück hast im Leben.

2018 © Stefanie Steenken 
Foto: Pixabay

Ein dunkler Wald kann dir Angst machen
oder Schutz bieten.
Die Sonne kann dich verbrennen
oder wärmen.
Ein Freund kann dich verletzen
oder dir Halt geben.
Ein Auto kann dich umfahren
oder Wege erleichtern.
Ein großer Mann kann dich einschüchtern
oder beschützen.
Ein Blick kann dich begeistern
oder abschrecken.
Ein Geruch kann dich vertreiben
oder anziehen.
Ein Hund kann dich beißen
oder dein Leben bereichern.
Es gibt immer zwei Seiten
und meistens
kannst du selber wählen
aus welcher Sicht du es betrachtest.

2018 © Stefanie Steenken 
Foto: Pixabay 

Wie gut du ausschaust! Du bist groß. Schätzungsweise einszweiundachtzig. Deine blonden Haare haben einen leichten Graustich und sind nicht frisch gewaschen. Du trägst einen Kurzhaarschnitt. An den Seiten sind sie auf zwei Millimeter getrimmt, nach oben hin werden sie etwas länger. Für einen Mann deines Alters hast du volles, wenn auch schon leicht graues Haar und keine großen Geheimratsecken. Ein paar Haare stehen ab, über dem Pony und auf der linken Seite oberhalb deines Ohres. Das hast du sicher mit Gel oder Pomade so hingestylt, dass es aussieht, als wärest du nach dem Aufstehen nur kurz mit der Hand durch die Haare gefahren. So der Strubbel-Look. Als ob es nicht nötig ist, sich die Haare zu machen. Das ist wahrscheinlich deine Masche. Du siehst nämlich so aus, als ob du dir sehr wohl Gedanken über dein Äußeres machst und in den Spiegel schaust, bevor du das Haus verlässt. Und auch wenn es so aussehen soll, musst du doch regelmäßig zum Friseur gehen oder erst vor kurzem dort gewesen sein, denn deine Koteletten sind gerade herunter und auf Kante rasiert und auch im Nacken sitzen sie tadellos.
Du trägst Blue Jeans von Carhartt. Oben noch verwaschen, werden sie nach unten hin dunkler. Der hintere Saum ist bodenlang, etwas ausgefranst und kaputt. Du trägst keine Schuhe und schwarze Socken. Dein Gürtel ist dunkelbraun im Used Look und dient nicht zum Festhalten deiner Hose, denn diese sitzt locker und auf Hüfthöhe. Wenn du die Arme leicht anhebst, sieht man deine Boxershorts und ein Stück deiner Haut. Ein kleiner Bauchansatz ist zu erahnen, obwohl du sehr sportlich ausschaust, drückt sich eine kleine Delle am unteren Rand deines Bauches durch den Pullover ab. Dieser ist langärmelig, hellgrau mit dünnen Streifen in einem Babyblau und sieht aus, als sei er von H&M. Er ist von weichem Stoff und fällt dir locker auf den Bund der Hose. Durch den V-Ausschnitt, der bis zur Hälfte mit einem weißen Stoff hinterlegt ist, so als sähe es aus, als würde man ein T-Shirt darunter tragen, sieht man ein wenig von deiner Brust. Deine Haut ist noch leicht gebräunt und mit hellen Haaren versehen.
Du trägst einen Drei-Tage-Bart. Auch dieser sieht irgendwie ungewollt aus, so als wärest du einfach nicht zum Rasieren gekommen. Er steht dir. Es hebt deine markanten Gesichtszüge hervor und verstärkt den Ausdruck deiner Männlichkeit. Die Proportionen deines Gesichtes sind stimmig und passen zueinander. Dein Mund ist eher klein, du hast zarte Lippen und schöne Zähne. Deine Nase ist rund und ein bisschen knubbelig. Deine Ohren unauffällig fein und deine Ohrläppchen sind angewachsen.
Deine Augen: Oh – deine Augen! Du kneifst sie zusammen, sie sind klein und schön und von blaugrüner Farbe. Die Falten darum verraten dein Alter, aber sie machen dich nicht alt, sondern reif und interessant. Wenn du lächelst, werden es noch mehr Falten und du bekommst Grübchen am Mund und an den Wangen. Und deine Augen strahlen dann! Obwohl du nicht laut sprichst, hört man deine Stimme aus der Gruppe heraus. Du hast eine angenehme Stimmfarbe und bist eher der ruhige Typ. Beim Lachen aber bist du laut und wild.
Du trinkst Bier aus der Flasche, die du in der linken Hand hältst. Das steht dir. Deine Hände sehen sehr zart und gepflegt aus, deine Fingernägel sind sauber. Du hast lange kräftige Finger, dein Handrücken ist von Sehnen durchzogen und leicht behaart. Am rechten Handgelenk trägst du zwei Armbänder. Eines ist schwarz und aus Stoff von circa einem Zentimeter Breite. Das Zweite ist ein dunkelbraunes Lederarmband mit Druckknopf und ist dünner als das schwarze.
Beim Trinken wirfst du ganz leicht den Kopf in den Nacken und dein Adamsapfel wird sichtbar. Wenn du die Flasche wieder von den Lippen absetzt, wischt du mit dem rechten Handrücken leicht über den Mund. Und den Handrücken schmierst du dann an der rechten hinteren Tasche deiner Jeans ab. Bei dieser Bewegung kommen deine Armmuskeln hervor, das sieht cool aus.
Jetzt schaust du genau in meine Richtung und unsere Blicke treffen sich. Dein Blick ist freundlich interessiert, dann fragend. Du siehst den Block auf meinem Schoß und den Stift in meiner Hand. Deine Augen werden zu Schlitzen und auf der Stirn bildet sich eine große Gedankenfalte. Du schaust, als ob du etwas, was in der Ferne liegt, nicht deutlich erkennen kannst. Du stehst am anderen Ende des Raumes, das ist sechs Meter von mir entfernt. Durch deine Blicke aber verringert sich diese Entfernung und mir wird heiß. Du schaust auf den Block, dann wieder in mein Gesicht, welches etwas rot geworden ist, du drehst dich um, so als würdest du etwas suchen. Du sagst etwas zu einem aus der Gruppe, man versteht nicht den Wortlaut, dennoch hört man deutlich den Klang deiner Stimme, sie ist tief und ruhig. Jetzt guckst du wieder zu mir. Deine Augen scheinen mich zu durchleuchten und mich trifft es bis ins Mark. Ohne den Blick abzuwenden, kommst du langsam auf mich zu. Dann lächelst du. „Darf ich?“, fragst du.

2016 © Stefanie Steenken 
Foto: Pixabay 

Manchmal ist langsam schneller.
Manchmal ist aufhören anfangen.
Und manchmal bist du bei mir
ohne da zu sein.

2018 © Stefanie Steenken 
Foto: Stefanie Steenken 

Mit dem zufrieden zu sein,
was man hat,
ist schwieriger,
als dem nachzueifern,
was man nicht hat.

Wer imstande ist, glücklich zu sein,
ohne sich mit anderen zu vergleichen,
ist ein reicher und sehr weiser Mensch.

2019 © Stefanie Steenken 
Foto: Stefanie Steenken 

In einer Ruine kannst du Altes vergraben und zurücklassen,
oder Neues ausbuddeln und anfangen.

Und manchmal beides.

2019 © Stefanie Steenken 
Foto: Stefanie Steenken 

Es sind nur Gedanken,
die uns beeinflussen und abhalten,
von etwas, was wir gerne tun würden.
Sie machen uns Angst und schüchtern uns ein.
Sie erscheinen uns wie Schranken,
unüberwindbar und hoch.
Dabei könnte man sie mit dem nächsten Augenblick loswerden,
auslöschen und vernichten.
Wir bräuchten nicht mal eine Leiter oder eine helfende Hand,
die einem Halt oder Kraft gibt.
Es sind nur Gedanken.

2018 © Stefanie Steenken 
Foto: Stefanie Steenken