Stefanie Steenken

Kinder-Geschichten

„Essen ist fertig!“, ruft Mama. „Hab keinen Hunger“, nuschelt der kleine Tigerhase und bleibt auf seinem Bett sitzen. „Es gibt dein Leibgericht, Möhrensuppe mit geröstetem Brot!“, ruft Mama. Als der kleine Tigerhase sich nicht rührt, geht Mama nach ihm schauen. Der kleine Tigerhase sieht traurig aus. „Was bedrückt meinen kleinen Tigerhasen denn?“, fragt Mama. „Ich will keine Streifen mehr!“, sagt er. „Ich will so sein, wie alle anderen auch!“ „Ach herrje“, denkt Mama, „sie haben ihn sicherlich wieder geärgert“. „Jetzt kommst du erstmal mit zum Abendessen“, sagt sie. „Und dann überlegen wir uns etwas.“

Nach dem Essen ruft Mama eine Familiensitzung ein. Jeder wird dazu aufgefordert, sich etwas auszudenken, was dem kleinen Tigerhasen helfen könnte. „In Ordnung“, sagt seine Schwester Nelly. „Das ist eine schöne Idee“, sagt Papa. „So machen wir das!“

Am nächsten Morgen setzt sich Mama an die Nähmaschine. Als die Kinder aus der Schule kommen, ist sie fertig. „Schaut mal, was ich gemacht habe!“, ruft sie stolz und hält ein braunes Hasenkostüm in die Luft. „Oh, wie schön“, staunt der kleine Tigerhase. „Danke, Mama!“ Er schlüpft sofort hinein und saust nach draußen, um seine Freunde zu suchen. Der kleine Tigerhase springt und hüpft vor Glück und fühlt sich wohl. Seine Freunde sehen ihn verdutzt an, manche erkennen ihn gar nicht. „Ich bin es, der kleine Tigerhase“, sagt der kleine Tigerhase. „Aber warum hast du ein so dickes Kostüm an?“, fragen die Freunde. „Ist dir kalt?“ „Nein!“, sagt der kleine Tigerhase. „Ich möchte einfach nur so aussehen wie ihr.“ „Lasst uns Fangen spielen“, schlägt Leo vor und alle rennen los.

Nach kurzer Zeit muss der kleine Tigerhase eine Pause machen. Er kann nicht mehr. Der Anzug ist zu warm, er bekommt kaum Luft. Er muss die Kapuze abnehmen. So kann er nicht mitspielen. „Ziehe es doch aus“, sagen seine Freunde. Aber der kleine Tigerhase mag nicht. Traurig trottet er nach Hause. „Mama, das Kostüm ist zu warm, damit kann ich nicht spielen“, sagt er und hängt es an den Haken hinter die Tür.

Am nächsten Abend bringt Papa Farbe von der Arbeit mit. „Dann wollen wir mal“, sagt er und zeigt auf Eimer und Pinsel. „Du musst ganz ruhig stehen“, sagt er und der kleine Tigerhase steht ganz still. „Ui“, ruft der kleine Tigerhase, „das kitzelt“. Er muss lachen. Papa lacht mit. Als sie fertig sind, betrachten alle das Spiegelbild des kleinen Tigerhasen.

„Das könnte klappen!“ sagt der kleine Tigerhase. „Du siehst aus wie ich“, sagt Nelly. „Es sieht toll aus!“, sagt Mama. „Darf ich zum Spielen und es den anderen zeigen?“, fragt der kleine Tigerhase. „Ja“, sagen Mama und Papa gleichzeitig.

„Kleiner Tigerhase? Bist du das?“, fragt sein Freund Leo. „Ja! Erkennst du mich denn nicht?“, fragt der kleine Tigerhase. „Doch, jetzt schon“, sagt Leo. „Aber nicht von Weitem, da siehst du aus, wie alle anderen.“ Das freut den kleinen Tigerhasen und sie spielen und bauen ein Versteck im Wald.

Am Nachmittag wird der Himmel dunkel und es fängt an zu regnen. Je mehr Regentropfen auf Leo und den kleinen Tigerhasen fallen, desto mehr Farbe läuft vom Fell des kleinen Tigerhasen ins Gras. Als er zu Hause ankommt, ist all die schöne braune Farbe abgewaschen. Betrübt steht der kleine Tigerhase vor der Tür. „Papa, das geht nur bei Sonnenschein“, sagt der kleine Tigerhase und setzt sich enttäuscht an den gedeckten Tisch.

„Was wünscht du dir eigentlich zum Geburtstag?“, fragt Mama. „Eine große Party mit allen meinen Freunden“, sagt der Tigerhase. „Aber nur, wenn ich so aussehe, wie die anderen! Sonst will ich gar nichts und bleibe den ganzen Tag in meinem Zimmer!“ Mama und Papa schauen sich an. Mama seufzt. Papa schüttelt den Kopf. „Es ist doch nicht wichtig, wie man aussieht,“ versucht Papa ihn zu besänftigen. Da hat Mama eine Idee. „Wir werden sehen, was sich machen lässt“, sagt sie.

„Ihr müsst aufstehen“, ruft Mama am nächsten Morgen. Der kleine Tigerhase ist bereits wach, heute ist sein Geburtstag. Er ist aufgeregt, was sich seine Eltern wohl für ihn ausgedacht haben. Auf dem Frühstückstisch liegt nichts. Auch im Proviantbeutel kann er kein Geschenk finden. Etwas betrübt macht er sich mit seiner Schwester auf den Weg zur Schule.

Dort angekommen wird er von seinen Freunden begrüßt. Als der Lehrer eintrifft, singen sie gemeinsam ein Geburtstagslied für den kleinen Tigerhasen. „Kommst du heute Nachmittag zum Spielen?“ fragt er seinen Freund Leo. „Ich kann nicht“, sagt Leo. „Ich habe schon eine Verabredung.“ „Oh“, denkt der kleine Tigerhase. „Ole, du kommst aber heute zu mir, wir gehen zusammen nach Hause, wie immer, oder?“ fragt der kleine Tigerhase. „Äh, nö, ich kann nicht, hab schon was vor“, stottert Ole. Das wundert den kleinen Tigerhasen und er wird ganz traurig. Alle seine Freunde und Mitschüler haben heute keine Zeit für ihn. Dabei ist doch sein Geburtstag!

Nach der Schule wartet der kleine Tigerhase auf seine Schwester Nelly. Sie machen sich zusammen auf den Heimweg. „Keiner kommt zum Spielen mit“, sagt der kleine Tigerhase betrübt. „Ich spiele mit dir!“, sagt Nelly und muss grinsen.

„Überraschung!“, rufen alle gemeinsam. Der kleine Tigerhase und Nelly sind gerade um die Ecke gebogen. Vor dem Haus warten seine Familie, seine Freunde und Nachbarn. Alle sind gekommen! Es hängen Lampions und Girlanden in den Bäumen. Auf dem Gartentisch steht ein riesiger Geburtstagskuchen. Und das Beste: Alle sind gestreift. „Das ist die tollste Party auf der ganzen Welt!“, sagt der kleine Tigerhase. Sie feiern, lachen und tanzen bis spät in den Abend.

2017 © Stefanie Steenken 
Foto: Stefanie Steenken 

Der kleine Tigerhase und seine Mama sitzen am See und schauen den Enten im Teich zu.
„Mama“, fragt der kleine Tigerhase, „was ist Liebe?“
„Ach herrje“, denkt seine Mutter, „was will dieser kleine Hase alles wissen“?!
„Liebe ist, wenn man nicht mehr von der Seite des anderen weicht“, sagt sie.
„Und wie erkennt man, wem man nicht mehr von der Seite weichen will?“, fragt der kleine Tigerhase.
„Das spürt man, wenn man sich gegenübersteht und in die Augen sehen kann,“ sagt Mama.
„Was spürt man denn da?“, fragt der kleine Tigerhase.
„Dann klopft das Herz, der Bauch kribbelt und die Hände fangen an zu schwitzen“, sagt Mama. „Und manchmal werden einem die Knie ganz weich.“
„So?“, sagt der kleine Tigerhase verwundert. „Und dann?“
„Dann schaut man, ob es dem anderen auch so geht“, sagt Mama.
„Und dann?“, fragt der kleine Tigerhase.
„Dann klopfen zwei Herzen, es kribbelt in zwei Bäuchen, vier Hände fangen an zu schwitzen und manchmal gibt es weiche Knie.“
„Und das ist schön?“, fragt der kleine Tigerhase.
„Oh ja, das ist schön“, sagt Mama.
„Werde ich auch mal die Liebe spüren?“, fragt der kleine Tigerhase.
„Ja, das wirst du“, sagt Mama. „Ganz bestimmt.“
Sie legt den Arm um ihren kleinen Tigerhasen und dann spazieren sie nach Haus.

Am nächsten Morgen beim Frühstück ist der kleine Tigerhase ganz bedrückt.
„Was hat mein kleiner Tigerhase denn?“, fragt Papa.
„Ich suche die Liebe“, sagt der kleine Tigerhase.
„Ich möchte Herzklopfen, Bauchkribbeln und schwitzige Hände. Und weiche Knie!“
Papa streicht ihm über den Kopf, gibt ihm einen Kuss und sagt: „Das wirst du alles bekommen. Ganz bestimmt.“ Dann gibt er Mama einen Kuss und geht zur Arbeit.
„Du musst los“, sagt seine Mutter, gibt ihm seinen Proviant und schiebt ihn zur Tür hinaus.
„Ich hab dich lieb. Die Liebe wird dich finden. Ganz bestimmt.“

In der Klasse angekommen, ist der kleine Tigerhase immer noch etwas traurig. Er wüsste so gern, was die Liebe ist. Der Lehrer kommt herein und hat ein kleines Hasenmädchen an seiner Seite.
„Das ist Lili, eure neue Klassenkameradin“, sagt der Lehrer.
Plötzlich bekommt der kleine Tigerhase furchtbares Herzklopfen, sein Bauch kribbelt und seine Hände schwitzen. Und sogar seine Knie sind ganz weich.
Lili schaut zum kleinen Tigerhasen und ihre Blicke treffen sich. Ihr wird ganz schwindelig und sie fängt an zu taumeln.
„Na, na, Vorsicht“, sagt der Lehrer und hilft ihr zu ihrem Platz, direkt neben dem kleinen Tigerhasen.
„Meine Knie sind auch ganz weich“, flüstert der kleine Tigerhase ihr zu.
„Aber ich saß ja zum Glück.“

2017 © Stefanie Steenken 
Foto: Stefanie Steenken 

Kleiner Tigerhase, bleib wie du bist,
das Leben ist so, wie es eben ist.
Mal ist es leicht, mal ist es schwer,
es wäre nicht deins, wenn es anders wär´.

Kleiner Tigerhase, bleib wie du bist,
das Leben ist so, wie es eben ist.
Es ist egal, wie du aussiehst,
ich mag dich so, wie du eben bist.

Kleiner Tigerhase, bleib wie du bist,
das Leben ist so, wie es eben ist.
Einer ist groß, der andere klein,
die Hauptsache ist, dein Herz ist rein.

Kleiner Tigerhase, bleib wie du bist,
das Leben ist so, wie es eben ist.
Einer ist blond, ein anderer rot,
am wichtigsten ist, er hilft dir in der Not.

Lacht dich mal jemand aus,
komm zu mir, mach dir nichts draus,
denn zusammen, da sind wir stark
und ich sag dir dann, wie ich dich mag.
Denn zusammen, da sind wir stark
und ich sag dir dann, wie ich dich mag.

Kleiner Tigerhase, bleib wie du bist,
nimm das Leben, wie es gerade ist.
Mal ist es leicht, mal ist es schwer,
es wäre langweilig, wenn es anders wär´.

Kleiner Tigerhase, bleib wie du bist,
nimm das Leben, wie es gerade ist.
Es ist egal, wie du aussiehst,
so wie du bist, hab´ ich dich lieb.

Kleiner Tigerhase, bleib wie du bist,
nimm das Leben, wie es gerade ist.
Es ist egal, was du alles kannst,
wie dein Herz schlägt, darauf kommt es an!

Kleiner Tigerhase, bleib wie du bist,
nimm das Leben, wie es gerade ist.
Einer ist schüchtern, einer hat Mut,
so wie du bist, so bist du gut!

Lass dir nichts anderes erzählen,
deine Freunde kannst du selber wählen.
Das Leben ist so, wie es eben ist
und du bist gut, so wie du bist!
Das Leben ist so, wie es eben ist
und du bist gut, so wie du bist!

2018 © Stefanie Steenken 
Illustrator: Andreas Schwarz 

Leseproben

Aus meinem Bett heraus schaue ich auf die weiße Wand. Alles ist trist und grau. Zwei Bilder mit Blumenwiesen sind über dem Tisch angebracht. Eines hängt leicht schief. Darüber der Fernseher, mittig platziert und ziemlich weit oben, sodass von beiden Seiten aus geschaut werden kann. Meine Bettnachbarin schaltet um 20 Uhr ein, guckt die Abendschau und im Anschluss die Krimis, die auf ARD oder ZDF laufen oder auch mal ´Wer wird Millionär´. Ich schaue nie mit. Es interessiert mich nicht. Manchmal lese ich, aber lange kann ich das Buch nicht halten und ich lege es recht schnell wieder zur Seite. Obwohl durch die Kopfhörer meiner Mitpatientin nichts zu hören ist, stört mich beim Versuchen zu schlafen das Licht, das der Fernseher erzeugt und das Flackern lässt mich nicht zur Ruhe kommen, sondern innerlich zusammenzucken und hoffen, dass es bald vorbei ist. All das hier soll bald vorbei sein! Seitdem die Ärztin mir gestern eröffnet hat, dass ich nicht nach Hause entlassen werde, sondern sie es befürworten würde, mich gleich in eine stationäre Reha weiterzuleiten, geht es mir nicht gut, obwohl die Schmerzen gar nicht mehr so schlimm sind. Ich bekomme wieder normal Luft, die Hustenanfälle sind weniger geworden und auch der Schmerz in der Brust hat deutlich nachgelassen. Das Aufstehen bereitet noch Mühe, ich habe kaum Kraft, auch nur die Beine aus dem Bett zu schwingen. Der Gang zur Toilette ist eine Tortur. Mein schwacher Kreislauf erlaubt mir keine schnellen Bewegungen. Noch hänge ich am Tropf. Die Einstichstelle tut weh und ich habe lauter Blutergüsse auf beiden Seiten meiner Arme, weil sie in der Notaufnahme so oft versucht haben, eine Vene zu erwischen und es zigmal nicht funktioniert hat. Erst versuchen sie es immer in der Armbeuge. Die Schwester hat je Seite drei Mal versucht und es dann doch nicht hinbekommen. Dann kam der Arzt selbst und hat mir die Kanüle in den rechten Handrücken gelegt. Das hat wehgetan! Sie haben bei mir schon die graue Braunüle benutzt, das ist die mit der kleinsten Nadel, aber trotzdem ist es jedes Mal wieder so schwer, eine Ader zu finden, die nicht wegrollt und verschwindet, wenn sie zustechen. Eine Schwester hat mir mal als Tipp gegeben: “Bei Ihnen muss man fühlen, nicht schauen.“ Die hatte damals beim ersten Mal gleich getroffen.

Am darauffolgenden Tag ist die Hand dick und warm geworden und sie mussten mir die Nadel wieder herausnehmen. Ich kenne das leider schon, es ist jetzt das fünfte Mal seit letztem Jahr, dass ich mit Lungen- inklusive Rippenfellentzündung eingeliefert werde. Das ständige Blutabnehmen und am Tropf hängen macht meine Venen nicht gerade besser und sie verschwinden oder zeigen sich erst gar nicht. Trotz sämtlicher Einstichstellen und meiner Bitte, wieder eine der kleineren Nadeln zu nehmen, haben sie mir dann irgendwann doch eine rosa Kanüle in die Armbeuge gejagt, rechte Seite, sodass ich total eingeschränkt bin und kaum etwas mit dieser Hand machen kann. Mit links als Rechtshänder zu agieren ist nicht leicht. Alltagsdinge erscheinen unmöglich. Socken anziehen geht kaum. Die Haare zu einem Zopf binden ist nicht möglich.

Es klopft, die Tür wird geöffnet und es erscheinen zwei Damen, die ausnahmsweise keinen weißen Kittel tragen. „Frau Seemann?“, fragt die Ältere und steuert auf mein Nicken hin aufs Bett zu. „Guten Tag, ich bin Frau Steyer vom Sozialdienst. Das ist meine Kollegin Frau Arndt, sie begleitet mich heute.“ Frau Arndt ist wohl eher ein Fräulein Arndt, denke ich, sie sieht sehr jung aus. Vielleicht Praktikantin. Dass die hier auch mit den Sozial-Tanten mitlaufen müssen, ist mir fremd, aber warum eigentlich nicht. „Wir kommen wegen ihrer Anschlussheilbehandlung. „Hier“, sagt sie und legt mir einen Stapel Prospekte auf den Nachtisch. „Wir haben Ihnen Unterlagen mitgebracht. Die schauen Sie sich bitte in Ruhe durch und dann geben Sie mir Bescheid. Bis heute 16 Uhr habe ich den Platz reserviert und könnte Sie anmelden. Morgen bin ich nicht im Haus, also müssten Sie sich bitte gleich entscheiden.“ Heute, gleich, 16 Uhr? Mir schwirrt der Kopf und ich schaue zur Uhr. „Sie können mich auf der 119 anrufen, wenn Sie sich entschieden haben“, sagt Frau Steyer und zieht einen Zettel unter den Unterlagen hervor. Hier steht alles noch mal drauf. Haben Sie Fragen?“ „Äh, ich, ich weiß nicht“, stammele ich, „wann würde das denn sein?“ „Anreise ist am 10.“, sagt sie. Ich versuche mich zu konzentrieren, aber mir fällt nicht ein, welcher Tag genau ist, der 3. oder der 4.? Sie schaut auf Ihre Armbanduhr und dann ihre Kollegin an. „Heiligendamm ist ein ganz schöner Ort. Ich war schon mal mit meinem Mann dort. Und die Klinik soll ganz toll sein“, sagt sie, „das wird Ihnen sicher gefallen.“ Sie tätschelt mir den Arm, dreht sich um und mit einem „Wir sprechen uns dann gleich“, ist sie schon fast aus der Tür. Die kleine Begleitung sagt höflich „Auf Wiedersehen“ und läuft hinterher.

Das ist mir alles zu viel. Wieso soll ich denn jetzt woanders hin? Ich will nach Hause. Ich nehme mir den Hausprospekt der Klinik, wo sie mich hinschicken wollen und fange an zu lesen. Was mir nicht schlüssig erscheint, ich habe doch noch nicht mal einen Entlassungstermin. Plötzlich geht schon wieder die Tür auf, diesmal ohne dass vorher angeklopft wurde und eine Schar Ärzte treten ins Zimmer. Heute ist Chef-Arzt-Visite. „Guten Morgen, die Damen!“, sagt der eine und tritt an das Bett von Frau Reich, die neben mir liegt. Als sie mit ihr fertig sind, treten sie zu mir. „Ah, schön“, sagt der Oberarzt und schaut in Richtung des Prospektes. „Sie lesen schon, das ist gut! Wie geht es Ihnen? Die Entzündungswerte sind heruntergegangen, aber heute müssen sie noch ein weiteres Mal kontrolliert werden, die Leukozyten sind immer noch erhöht, wir schicken nachher noch mal die Schwester zum Blutabnehmen.“ Er bittet mich aufzusetzen und hört mich ab. Auf Antworten wartet er anscheinend nicht. „Atmen“, sagt er. „Tief Luft holen durch die Nase und durch den Mund ausatmen und nochmal bitte!“ Er winkt einen jungen Arzt heran und überlässt ihm meinen nackten Rücken. Er soll hören. „Mmh, ah ja, hören Sie?!“ murmelt er ihm zu. Eine Schwester schreibt was auf ihren Block, die andere hilft mir beim Hochziehen des Krankenhaushemdchens, damit der Professor und der angehende Arzt auch meine Lunge der Vorderseite des Brustkorbes abhorchen können. „Hören Sie es?“ wird der Jüngere gefragt, der bejaht und deutlich nickt. „Ab morgen Krankengymnastik und heute noch mal zum EKG“, wird verordnet und die Schwester schreibt fleißig mit. Hastig versuche ich meinen nackten Busen wieder mit dem Hemd zu bedecken, was aber durch die Schläuche, die nun vor meinem Bauch herum baumeln, nicht ganz einfach ist. Trotzdem frage ich schnell: “Darf ich kurz was zu der Reha fragen?“ Dr. Klausen fragt: “Haben Sie einen Platz?“ „Ja“. „Wunderbar! Dann fahren Sie!“ „Und meine Kinder?“ „Kinder können da nicht mit. Das ist eine Rehabilationseinrichtung!“ Der strenge Ton treibt mir sofort Tränen in die Augen. Die Stationsärztin sieht das und kommt einen Schritt auf mich zu. „Frau Seemann, das läuft über die Rentenkasse, das ist keine Mutter – und Kind-Kur, sondern nur für Sie gedacht. Sie werden direkt von hier aus in die Einrichtung gebracht. Ich komme nachher noch mal rein“, sagt sie leise. „Ihre Kinder schaffen das! Sie müssen sich jetzt um sich kümmern.“ Dann sind alle wieder draußen und mein Kloss im Hals und die Tränen wollen nicht versiegen. Frau Reich, meine Bettnachbarin, versucht mich zu ermuntern und mir Mut zuzusprechen, aber ich bin wirklich verzweifelt und weiß nicht, was ich machen soll. Ich kann doch nicht noch länger von zu Hause fort bleiben.

Frau Dr. Redekindt, die Stationsärztin hält ihr Versprechen und erklärt mir im Anschluss den Vorgang, während Sie auf meiner Bettkante sitzt. Eine Anschlussheilbehandlung bedeutet, dass zwischen dem stationären Krankenhausaufenthalt und der Aufnahme in die Rehabilationseinrichtung maximal zehn Tage vergehen dürfen. Die Kosten hierfür übernimmt die Rentenkasse, die aber keine Begleitkinder beinhaltet und die meisten Einrichtungen auch gar keine Kapazitäten wie Kindesbetreuung anbieten. Sie legt mir ans Herz, zuzustimmen und sagt mir deutlich und langsam, dass ich es in nächster Zeit nicht schaffen werde, mich um meine Kinder zu kümmern. Sie erklärt, dass sie mich direkt von hier mit dem Krankentransport abholen werden und bis zum 10. ja noch Zeit genug wäre, mir von jemandem aus der Familie die Koffer packen und hierher bringen zu lassen.

Sechs Tage später sitze ich in meinem Einzelzimmer in der neuen Klinik. Das Zimmer ist nett und klein. Aus dem Fenster sieht man die Straße und das gegenüberliegende Feld, es ist ganz weiß und noch voller Schnee. Ich stand die letzten Tage völlig neben mir. Die Reaktion meines Partners schmetterte mich nieder. Als ich ihm am Telefon mitteilte, ich müsse noch zur Kur fahren, hat er einfach aufgelegt. Sie haben mir doch gar keine Wahl gelassen, sonst wäre ich gar nicht hier. Aber schon bei den kleinsten Dingen merke ich, wie erschöpft und schwach ich bin und es kommt mir das erste Mal in den Sinn, dass es vielleicht doch ganz gut ist, hier zu sein und etwas ausruhen zu können. Fern ab von zu Haus, vom Alltag, ja, auch von den Kindern. Und von Robert. Den vermisse ich bestimmt nicht. Die Kleinen schon, sehr sogar, aber wenn ich beim Taschetragen bereits Pausen einlegen muss, um in den ersten Stock zu gelangen, wie soll ich da die drei versorgen?! Da haben die Ärzte wohl recht gehabt.

Ich packe die Tasche aus und richte mich ein. Sportzeug, Waschutensilien, Anorak, alles wird verstaut. Zwischendurch halte ich immer mal inne, setze mich aufs Bett, bleibe bei der Willkommensbroschüre der Klinik hängen, studiere die Essenszeiten und schreibe mir die Termine, die für heute noch anstehen, auf.

  • 11:30 Uhr – Anmeldung & Bodycheck
    EG, Raum 108
  • 12:00 Uhr – Mittagessen
    EG / Speisesaal
  • 16:00 Uhr – ärztliche Aufnahme
    Dr. med. Kerstin Hummel
  • 17:00 Uhr  -Abendessen
    EG / Speisesaal

Der Bodycheck beinhaltet alle Untersuchungen, die sie mit mir gerade erst im Krankenhaus durchgeführt haben. Wiegen, messen, Blutabnahme, Fragen nach Allergien und das ganze Prozedere. Den Lungenfunktionstest brechen sie nach vier Versuchen ab, ich habe keine Puste, muss mich zwischenzeitlich sogar hinlegen, weil mir ganz schwarz vor Augen geworden ist. Dafür lassen sie mich jetzt Treppen steigen. Dabei messen sie irgendwas im Blut. Wahrscheinlich den Sauerstoffgehalt. Es wird mit einer Mini-Nadel in den Finger gepikt, dann läuft man. Dann Pause. Dann wieder piksen. Ich komme bis zum zweiten Stock und wieder runter. Aber nicht ohne Schnapp-Atmung. Alles scheint in Ordnung. Das Mittagessen habe ich verpasst, macht aber nichts, ich esse den Müsliriegel, der noch von der Fahrt übriggeblieben ist und einen Apfel, der im Zimmer in einem Willkommenskörbchen neben Banane und einer Flasche Wasser für mich bereitlag.

Frau Dr. Hummel ist mir auf Anhieb sympathisch. Sie strahlt Ruhe aus, trägt eine Brille über die sie, wenn sie einen anschaut, über den Rand guckt und nur zum Lesen der Unterlagen durch die Gläser schaut. Fast zehn Minuten studiert sie die Zettel, die vor ihr liegen, dann erzähle ich ein bisschen und sie erzählt vom Programm hier und was sie vorhaben. Die Unterlagen vom Krankenhaus hatten sie mir mitgegeben und natürlich habe ich sie gelesen, aber nicht alles verstanden. Es steht noch eine Bronchoskopie an, die soll dann wieder in einem anderen Haus stattfinden, und zwar in Berlin-Buch, da sind wohl die Fachmänner für pulmologische Bereiche. Sie berichtet von Professor Dr. Dr. Kosch, mit dem sie studiert hat und der dort jetzt in der Chefabteilung tätig ist. Dort wäre ich gut aufgehoben. Aber erstmal wolle sie mich ein wenig aufpäppeln, wie sie sich ausdrückt und ich solle mal meine Kraft wiedererlangen. Bei einer Bronchoskopie schieben sie einem einen Schlauch in die Nase und gucken die Lunge von innen an. Dabei können sie gegebenenfalls auch etwas Gewebe entnehmen, um anschließend untersuchen zu können, ob alles in Ordnung ist. „Was genau wollen die da denn eigentlich schauen?“, frage ich. Sie guckt mich über den Rand ihrer Brille an und zieht die Stirn kraus. „Na den Ausschluss eines Karzinoms“, sagt sie und „Sie wissen schon, dass sie einen Schatten auf der Lunge haben, der da nicht hingehört?“ Ja, denke ich, das weiß ich. Aber das haben sie mir nicht gesagt. „Sie redeten immer nur davon, dass das von der Embolie sein kann und außerdem ist der Schatten doch kleiner geworden, oder?“, äußere ich mich. „Hier steht unverändert“, sagt sie und tippt mit ihrem Zeigefinger auf die unteren Zeilen des Krankenhausberichtes. Die eben noch gedachte Sympathie schwindet und die Frau gegenüber wirkt mit einem Mahl kalt und rau. Mir wird schlecht. „Warum schaut man sowas denn nicht gleich?!“, entfährt es mir und meine Gedanken überschlagen sich. „Wieso schicken sie mich denn fünf Wochen zur Reha, wenn sie nicht wissen, was los ist?“ „Frau Seemann,“ sagt Frau Hummel und schaut mich ernst an. „In der Verfassung, in der Sie gerade sind, können wir keine OP durchführen. Sie müssen erst wieder zu Kräften kommen. Deshalb sind Sie hier. Noch Fragen?“ „Nein“, sage ich, stehe auf und gehe hinaus. Um mich dreht sich alles. Auf dem Flur kommt mir die Frau entgegen, die bei der Anmeldung neben mir saß und sich mit mir ein wenig unterhielt. Sie erzählte von ihrer Operation. Sie trägt ein Kopftuch. Jetzt erst wird mir bewusst, warum und alles sackt in mir zusammen. Nur noch ein paar Meter bis zu meinem Zimmer. Mein Herz rast und ich fange an zu rennen.

2013 © Stefanie Steenken 
Foto: Pixabay 

Nun sind wir im Jahr 1988 und von wegen es würde sich da so viel ändern! Nichts hat sich geändert und nichts wird sich ändern. Vielleicht, wenn wir endlich umziehen in das neue Haus. Ich halte das hier wirklich nicht mehr lange aus. Die Situation zu Hause ist zum Kotzen. Sören und Sven kriegen alles, ich nichts. Und Claas?! Der ist in Bergedorf, das ist ein ländlicher Bezirk in Hamburg, und bekommt hier gar nichts mehr mit. Da läuft doch irgendwas falsch, das verstehe ich nicht und will ich auch nicht verstehen. Sollen sie mich doch auch ins Heim stecken, da haben wenigstens alle das Gleiche. Die gleichen Pflichten, aber auch die gleichen Rechte. Das habe ich gesehen, als ich ihn das erste Mal besuchte, in seinem neuen Zuhause, dem Heim für Schwererziehbare. Mir kamen die Leute dort alle ganz normal vor, vor allem mein Bruder. Der war höchstens ein bisschen still manchmal, sonst ist mir nie was aufgefallen. Ich fand es dort klasse. Jeder war mal mit Tischdecken dran, da ist doch nichts dabei. Es gab Listen, da wurde eingetragen, wer wann welche Aufgaben zu erledigen hatte. Aber nichts Besonderes, alles, was man doch eh macht, also ich zumindest. Tisch decken, Tisch abdecken, Abwaschen, Abtrocknen, Müll rausbringen, Tisch wischen. Wöchentliche Aufgaben gab es auch. Dann waren immer zwei zusammen im Dienst und mussten das die ganze Woche lang erledigen. Das waren dann Aufgaben wie: Hühner füttern. Eier einsammeln. Beete und Blumen draußen gießen, Radieschen zupfen und die Schnecken aus dem Gemüsebeet raussammeln. Katzenklo säubern, Rasen mähen. Zum Bäcker fahren Brötchen holen. Alle hielten sich daran. Und es durfte getauscht werden. Die Mädchen übernahmen oft die Aufgaben mit den Tieren, dafür übernahmen dann die Jungs das Rasenmähen und Einkaufen. Außer Manja, die machte das gern allein und übernahm lieber die Jungs-Aufgaben. Sie hatte kurzrasierte Haare, trug immer Pullis, die ihr viel zu groß waren und hörte wahnsinnig laute Musik. Sie war die beste im BMX-Fahren und die Einzige, die ein Einzelzimmer hatte, aber das lag vielleicht daran, dass sie schon so lange hier wohnte.

Einmal gab es Krach. Da hat Jens, der große Blonde, zu irgendeinem Erzieher „Halts Maul!“ gesagt. Da haben sie ihn rausgeschickt und er durfte nicht mitessen. Er kam dann aber kurzerhand wieder rein, ging schnurstracks in die Küche, nahm sich drei Schrippen vom Tisch und eine Packung Salami aus dem Kühlschrank. Melanie, sie hatte Aufsicht und saß bereits mit uns am Tisch, sagte: „Jens, kein Essen heißt kein Essen! Leg es wieder zurück. Bitte!“ Jens guckte sie demonstrativ an, grinste, und ging mit Brot und Wurst wieder hinaus. Da schoss Peter hinter ihm her, packte ihn unsanft im Genick und fasste mit der anderen Hand Jens´ Handgelenk, sodass er erst die Packung mit der Wurst und anschließend alle drei Brötchen fallen ließ. Jens versuchte sich von der Hand im Nacken zu befreien, was ihm nicht gelang und trat dann wütend gegen das heruntergefallene Brot. Dieses schoss quer durch die Küche und landete in der Ecke hinter der großen Palme. Mit Hand im Nacken und mittlerweile dem Arm auf dem Rücken, schob Peter Jens Richtung Treppenhaus, machte die Tür auf, wieder zu, man hörte nur noch gedämpfte Worte von Peter und dann wackelte Jens nach oben ab. Peter setzte sich wieder zu uns, Mel nickte ihm zu. Keiner sagte ein Wort. Manja hatte die auf den Boden gefallenden Lebensmittel wieder eingesammelt und legte sie auf den Tisch. Anscheinend schaute ich etwas ängstlich drein, denn Melanie wandte sich zu mir: “Keine Sorge, der kriegt sich schon wieder ein. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird aus der Gruppe ausgeschlossen. Das machen die meisten nicht gerne mit und dann kommen sie wieder runter“. „Außerdem hat man irgendwann Hunger“, sagt Leonie und alle lachen. Die Gruppe gefällt mir. Da ich hier nur der Besuch bin, wurde ich nicht eingeteilt, helfe aber immer mit, bis alles fertig ist. Das finden alle gut, glaub ich, denn sie haben durch mich ja eine extra Kraft und Hilfe und man ist zu dritt viel schneller fertig als zu zweit. Nach dem Essen verteilt sich die Gruppe, manche gehen raus, manche in ihr Zimmer. Ich bleibe bei Melanie. Sie fragt, ob ich sie zum Supermarkt begleiten mag und ich fahre mit. Wir kaufen XXLToastbrot und zehn Packungen Butter. Außerdem Zutaten für einen Kuchen, übermorgen hat ein Mitbewohner Geburtstag. Dann backen alle zusammen. Das find ich klasse. Würde ich auch gerne mithelfen, aber morgen fahren wir wieder heim, Mutti und ich. Sie ist in Bremen bei Freunden und holt mich hier ab. Vorher wollen wir noch mit Claas ins Einkaufszentrum fahren und er bekommt neue Turnschuhe. Und das war´s dann wieder. Ich würde gern noch länger bleiben. Tommi gefällt mir und er schaut mich beim Essen immer so süß an und manchmal zwinkert er mir zu. Am ersten Abend hat er mir sein Halstuch geschenkt. Dunkelblau, mit weißen, ganz kleinen Punkten. Er hat es beim Sport um den Kopf gewickelt gehabt, als Stirnband. „Als Willkommensgeschenk“, sagte er. Dann klärte Class ihn auf, dass ich nur seine kleine Schwester sei und keine Neue und er mich nicht anbaggern soll. Ich finde es o.k. wenn er mich ein bisschen anbaggert, auch wenn er viel älter ist als ich. Das ist mir egal. Ich glaub, ich bin ein bisschen in ihn verknallt. Er sieht wahnsinnig gut aus! Aber die anderen Freunde meines Bruders finde ich auch gut. Vor allem Lighty. Eigentlich heißt er Martin Licht, aber sein Spitzname ist Lighty und so nenne ich ihn auch. Ich habe ein Foto in meinem Zimmer im Regal stehen, da ist er drauf. Mein Bruder, Tim und Lighty. Sie sitzen zu dritt auf der Couch und spielen Karten. Für das Foto sind sie extra zusammengerückt und haben noch schnell den Aschenbecher und die Kippen von Hans-Dieter vor sich geschoben und die Dose Schultheiss, damit es so aussieht, als ob das von ihnen sei. Zu diesem Zeitpunkt hat wahrscheinlich noch gar keiner von ihnen geraucht. Und jetzt kiffen alle. Und das nicht mal mehr heimlich. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum Claas jetzt hier ist. Aber hier kifft er auch. Das sehe ich an seinen Augen. Die werden dann ganz weich. Und außerdem liegen im Aschenbecher draußen im Hof nicht nur Kippenstummel. Das erkenne ich. Ich bin ja schon 13 und nicht von gestern.

Einmal habe ich nachts mitgekriegt, wie eines der Mädchen, es muss Leonie oder Jule gewesen sein, geweint hat. Ich glaube, Liebeskummer. Oder Heimweh. Oder beides. Auf jeden Fall lauschte ich durch die Wand den Worten von Mel, die sie im Endeffekt beruhigt und dann wieder haben einschlafen lassen. Ab diesem Zeitpunkt war mir klar, das mache ich später auch! Ich werde Erzieher. Im Heim. Dann bin ich für die Kinder da, höre ihnen zu und tröste sie. Das finde ich super.

Ich bin schon oft umgezogen. Das erste Mal, als Mama und mein Vater sich getrennt haben und wir zu dritt in den Kirchweg gezogen sind. Eine klitzekleine Wohnung, direkt über Edeka, wo wir zuvor schon immer einkaufen waren und alle Verkäufer kannten. Herr Lemke aus der Gemüseabteilung war mein Lieblingsverkäufer. Aber auch die Damen an der Kasse waren stets lieb zu mir und ich bekam fast immer irgendeine Kleinigkeit geschenkt. Ich glaube, sie mochten mich. Einmal fand Mutti nach dem Einkaufen oben in der Wohnung eine Tüte Samen. Wald-und Wiesenblumen-Mix. Das war so eine Packung zum Selberziehen. Die hatte ich heimlich aus dem großen Ständer vor dem Einkaufsladen mitgenommen. Ich wollte das versteckt einpflanzen und dann Mutti schenken. Das wäre eine riesige Überraschung gewesen. Selbst gemachte Blumen! Das Päckchen sah so schön aus. Außen zu sehen war eine Wiese voller Blumen, die meisten in lila, manche in rosa und gelbe waren auch dabei. Aber nun hatte sie ja gesehen, dass ich das Tütchen mitgenommen hatte, ohne es zu bezahlen. Oh weh! Ich musste es zurückbringen. Und sollte mich entschuldigen. Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen und sehr große Angst. Aber irgendwie habe ich es geschafft. Zum Schluss haben sie es mir geschenkt, weil sie es so süß fanden, wie ich mich wand. Aber das hat Mutti nicht geduldet. Klauen tun wir nicht und Schluss. War ja eigentlich auch richtig so. Das ist lange her, da war ich fünf oder so. Aber ich weiß es noch, als ob es erst gestern gewesen ist.

Jetzt habe ich Angst vor dem Umziehen. Erst hieß es, wir ziehen raus aus Berlin, in eine ländliche Umgebung. Ich glaube, meine Mutter wollte in den Harz, da haben wir Bekannte und könnten dort erstmal unterkommen. Aber jetzt bleiben wir doch. Ein Glück! Für mich wäre es eine Katastrophe gewesen. Umziehen ja gut, aber ich kann doch nicht jedes Mal die Schule wechseln. Gerade eingewöhnt und dann schon wieder weg. Ich habe auch Schiss, dass ich die gerade neu gewonnenen Freunde wieder verliere. Gerade finde ich mich hier in der Siedlung gut zurecht, weiß, welche Plätze ich suchen und welche ich meiden muss. Ich will hier nicht weg. „Komm zum Essen“ brüllt es aus der Küche. Ich schließe mein Tagebuch, verstecke es hinter dem Schrank und gehe zu den anderen.

2017 © Stefanie Steenken 
Foto: Pixabay 

Ich sitze im Auto und stehe im Stau. Hinter mir hupt es. Ein Taxi steht in zweiter Spur vor mir und eine ältere Frau versucht, mit Gehstock und mehreren Plastiktüten in der anderen Hand, die Wagentür zu öffnen. Schafft sie aber nicht. Mir kommen fast die Tränen und ich muss an den Artikel über Hochsensibilität denken, den mir meine Kollegin neulich auf den Tisch gelegt hat. Nach Lesen und Recherchearbeiten des Artikels musste ich einsehen, mich zu dieser Spezies Mensch dazuzählen zu können. Ich bin mehr als nur sensibel. Ich bin hochsensibel. Im Groben gesagt, bedeutet das, dass meine Antennen für mich und meine Umgebung ganz besonders stark ausgeprägt sind. Personen mit dieser Gabe leiden oder erfreuen sich über eine verfeinerte Wahrnehmung und können Reize weitaus schlechter verarbeiten als die unsensiblen Nebenbuhler. Ein feines Gespür hatte ich schon immer. Dass das Kind nun einen Namen hat, na meinetwegen.
Ich will gerade aussteigen, um zu helfen, als der Taxifahrer endlich kapiert hat, dass die Dame Hilfe benötigt. Er steigt aus, geht um seinen Wagen herum, nimmt ihr die Taschen ab und öffnet die hintere Autotür. Mein Kloß im Hals ist verschwunden und ich fahre weiter.
Berlin. Hauptverkehrszeit. Parkplatzsuche. Es gibt nichts Schöneres. Vor allem, wenn man vor der Arbeit noch einen Arzttermin hat und aller Voraussicht nach, zu beiden Terminen zu spät kommen wird. Falls ich heute vor Wut wieder weinen muss: Das macht nichts, ich bin ja schließlich hochsensibel!
Tatsächlich finde ich nach nur drei Runden eine große Parklücke. Der Motor läuft noch, als ein Arbeiter in dreckigen Klamotten und Kippe im Mund auf mich zukommt. Er hält mir einen Zettel vor die Nase, auf den beim Wedeln die Asche seiner Zigarette fällt. Ich verstehe kein Wort. Er spricht kein Deutsch. Ich versuche auf dem Wisch etwas zu erkennen. Da steht 1.3. Haben wir aber noch nicht. Kapier ich nicht. Allerdings ahne ich schon, was er mir sagen möchte, nämlich dass ich hier nicht mein Auto abstellen soll. Auf dem Mittelstreifen sehe ich jemanden seine Scheinwerfer anstellen. Über vier Bahnen einer wirklich gut befahrenen Straße, mitten im Berufsverkehr, erlange ich die nun frei gewordene Parkbucht. Von der anderen Seite, auch vierspurig, kommt ein dunkelblauer Kombi älteren Baujahrs auf mich zu. Unsere Autos stehen Nase an Nase. Die Fahrerin wedelt mit der Hand. Wütend. Aufgebracht. Jetzt reicht es mir aber! Was wollen die alle von mir? Ich schaue die mit den Armen fuchtelnde Frau an und signalisiere, dass ich hier stehen bleiben werde. Sie fährt ein Stück vor und öffnet ihr Fenster. „I have been waiting here! That´s mine!“, brüllt sie in gebrochenem Englisch. Ich verstehe auch hier nicht jeden Wortlaut, was auch nicht nötig ist. Mir ist klar, was sie will. Diesmal bleibe ich stehen. Zeige auf die andere Straßenseite und schalte den Motor ab. „Bitch!“, schreit sie, zeigt mir ihren Mittelfinger und fährt quietschend davon. Dabei rammt sie beinahe den parkenden Bus, der neben mir steht. Ich merke mir das Nummernschild. HH-BS 2450. Das war ja eine richtige Furie.
Um fünf nach acht betrete ich die Arztpraxis. Nach Einlesen der Krankenkassenkarte werde ich von der Sprechstundenhilfe gefragt: „Erster Tag der letzten Regel?“ Die Frage allein schon ist für mich schwer verständlich. Ich habe das nie genau verfolgt und somit auch nie auf den Tag genau angeben können. Mittlerweile kann ich es. Ich stehe gerade an der Garderobe, versuche meinen Regenschirm in dem dafür vorgesehenen Ständer zu verstauen und hänge meinen Mantel auf. „Och, das ist lange her, ich habe doch gar keine Gebärmutter mehr,“ rufe ich durch die Lobby. Dabei fällt mir auf, dass das Wartezimmer, welches um die Ecke liegt, offen ist und somit wohl alle dort wartenden Frauen nun bestens über mich und mein nicht mehr vorhandenes Organ Bescheid wissen. „Also wann?“, fragt die Schwester. Ich muss nachdenken. Am Pult stehend, beuge ich mich nun ein bisschen näher zu ihr hin und sage leise: „Steht das nicht in den Akten? Vor drei oder vier Jahren?“ „Also 2014“, sagt sie, wartet nicht auf meine Bestätigung, sondern nickt mir zu und nimmt den klingelnden Telefonhörer ab. Ich schlurfe ins Wartezimmer.
Über den Rand meiner Zeitung beobachte ich die anderen Patienten. Zwei Schwangere sind mit ihrem Mann da. Ein junges Mädchen mit ihrer Mutter. Die Topfpflanze auf dem Fensterbrett ist vertrocknet. Ob die alle vor mir dran sind? Plötzlich wird mir ganz anders. Aus dem Bereich der Anmeldung höre ich deutlich den gleichen Akzent einer gebrochen englischsprechenden Frau. Das darf doch nicht wahr sein. Ich halte mir die Zeitung vors Gesicht und hoffe mit Inbrunst, dass es nicht die Furie ist. Sie ist es. Als sie um die Ecke biegt, hastig, mit Tasche, Schirm und Jacke über den Arm gelegt, ist die Wiedersehensfreude meinerseits nicht groß. Ich habe Angst. Sie lässt alles auf einen freien Stuhl fallen und verschwindet in der Toilette. Ich atme durch, noch hat sie mich nicht erkannt. „Luna Gottwald?“, ruft mich die Schwester. Noch nie habe ich mich so gefreut, meinen Namen zu hören. Schnell lege ich die Zeitung weg, schnappe meinen Rucksack und eile ins Vorzimmer.
Der Rest des Besuches bei meiner Frauenärztin verläuft unspektakulär. Schnell bin ich wieder draußen, ohne dem Bitch-schimpfenden-Drachen über den Weg gelaufen zu sein. Mein Auto ist unversehrt und ich fahre ins Büro.
Ich bin noch beim Ausziehen meiner Jacke, als Sarina, die rechte Hand des Geschäftsführers, mein Zimmer betritt. „Guten Morgen, Luna, du musst heute am Meeting teilnehmen und sofort dazustoßen.“ „Wieso das denn?“, entfährt es mir. „Lass dich überraschen“, flötet Sarina und schiebt mich grinsend in Richtung Tür. „Los, sie warten schon auf dich!“. Was soll das? Das ist nicht mein Metier. Ich arbeite in der Personalabteilung. Ich habe keine Lust auf Botengänge für den Chef. Womöglich soll ich wieder für seine Frau die Cashmere-Hemdchen aus der Reinigung abholen. Das soll sie mal schön selbst machen! Und warum kann er mir das nicht an meinem Platz sagen und macht das vor versammelter Meute? Ich bin doch keine Praktikantin! Ich bin 37 Jahre alt, mittlerweile seit fünf Jahren im Verlag und für solche Späße nicht mehr zu haben. Das werde ich denen da drinnen jetzt aber haargenau so erzählen! Schon auf dem Flur hört man sie laut debattieren und durcheinanderreden. Als ich vorsichtig und ohne zu klopfen die Tür zum Konferenzraum öffne und mich leise hineinschleichen will, wird es still. Keiner sagt einen Ton, acht Köpfe starren mich an. „Ah, das ist sie ja“, sagt Herr Siegert freundlich, „das ist aber schön. Setzen Sie sich bitte, Frau Gottwald, meine Liebe“. „Meine Liebe?“, denke ich, was ist denn hier passiert? Und wieso soll ich mich setzen, wenn ich gleich zur gottverdammten Reinigung geschickt werde? „Marcelo, fahren Sie fort und klären unsere geschätzte Kollegin auf, was sie heute erwartet“, sagt Herr Siegert feierlich. Und zu mir gewandt: „Das wird ganz wunderbar, Sie werden staunen!“
Unser Redaktionsleiter Marcelo richtet sich an mich. „Luna, wir haben eine wunderbare Aufgabe für Sie. Heute werden Sie sich in Frau Streife-Siebenhörn verwandeln. Sie liegt nämlich seit gestern mit gebrochenem Handgelenk im Krankenhaus und kann unmöglich zur heutigen Gala ins Kulturhaus gehen und das Interview mit Ben Georg halten.“ „Ben Georg?“, denke ich, „das ist doch der Großstadt-Cowboy aus der Fernsehserie, umwerfend gutaussehend, Schwarm aller Frauen und wohl momentan einer der beliebtesten deutschen Schauspieler überhaupt. Was habe ich damit zu tun?!“ Marcelo erläutert stichpunktartig. Akkreditierung – Sonderwünsche – ein Ansprechpartner für alles – Interview heute – Betreuung beim Coaching. Ich verstehe nur Bahnhof. Das fällt anscheinend auch Herrn Siegert auf und fällt Marcelo ins Wort: “Frau Gottwald, Sie haben die Chance Ihres Lebens! Sie dürfen Ben Georg kennenlernen! Ist das nicht fantastisch!? An diesem Abend bereits werden Sie ihm ein paar Fragen zum großen Filmfestival stellen. Nächste Woche geht es dann für fünf Tage zum Coaching und Drehen auf eine Ranch in Brandenburg, da fahren Sie mit! Sie begleiten Herrn Georg sozusagen auf Schritt und Tritt und dürfen auch mal Hand anlegen, wenn Sie verstehen, was ich meine!?“, lacht Herr Siegert. Ich verstehe nicht, was er meint. „Warum, wie, äh…“, fange ich an, werde aber von Marcelo unterbrochen. „Unser Magazin hat den Zuschlag erhalten, den wöchentlichen Star-Bericht zu übernehmen. Das wird unsere Leserquote in die Höhe treiben! Wir dürfen Ben Georg eine Woche lang bei den Dreharbeiten für die neue Staffel begleiten. Alles bereits unter Dach und Fach. Die Akkreditierung und Buchung des Zimmers läuft auf Ludmilla Streife-Siebenhörn. Ludmilla und du seid die Einzigen, die Ahnung von Pferden haben und auf der Ranch nicht verloren wären. Und die passende Kleidergröße habt ihr auch! Ich kann ja schlecht in das kleine Schwarze schlüpfen, gelle!?“, sagt Marcelo lachend. Mir ist nicht zum Lachen zumute. „Das ist ein schlechter Scherz, oder?“, versuche ich diese albtraumhafte Vorstellung zu beenden. Da erledige ich dann doch lieber Botengänge. Mein Chef blickt mir ins Gesicht und lächelt: „Frau Gottwald, Sie schaffen das! Sie schreiben nur Stichpunkte auf, alles andere erledigen wir. Sie müssen einfach ein bisschen über Pferde und den wilden Westen fachsimpeln, das wird ein Kinderspiel! Mit Pferden können Sie doch so gut!“ Marcelo nickt. Herr Siegert strahlt. „Mit Pferden schon“, denke ich, „aber nicht mit Ben McDreamy Georg. „Los geht’s!“, ruft Herr Siegert. Er klatscht in die Hände, schiebt seinen Stuhl schwungvoll nach hinten und steht auf. „Sie schlüpfen einfach mal in eine andere Rolle, ist das nicht spannend?!“, sagt er und verlässt den Raum.
„Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst“, wundert sich Sarina, als ich wild gestikulierend vor ihr stehe und verzweifelt nach einem Ausweg suche. „Ich mache da nicht mit! Das können sie nicht einfach so über meinen Kopf entscheiden!“, ärgere ich mich. „Also ich würde gern mit dir tauschen“, sagt Sarina, „sieh mal, du bekommst bezahlten Urlaub auf einem äußerst noblen Western-Gestüt, bist umgeben von Ruhe und Natur und so ganz nebenbei vom angesagtesten Typen überhaupt!“ Sarina schließt die Bürotür und nimmt den Wäscheschutzbeutel, der an der Garderobenleiste dahinter hängt, ab. „Schau mal“, sagt sie, „das ist ein ziemlich schicker Fummel, den das Streifenhörnchen da ausgesucht hat. Damit darfst nun du heute Abend über den roten Teppich stolzieren. Hunderte Frauen werden dich darum beneiden! Ach was sag ich? Tausende!“, schwärmt Sarina. Ich stehe ungläubig vor ihr und schüttele den Kopf. „Ich mach da nicht mit! Das zieh ich nicht an!“, schimpfe ich.
Acht Stunden später stehe ich im ziemlich knappen Outfit, für meine Verhältnisse zu knapp, vor meiner Haustür, als der Wagen mitsamt Herrn Siegert und unserem Kamerateam vorfährt. Die Herren mustern mich von oben bis unten und machen große Augen. Toni pfeift, kann sich seinen Kommentar aber gerade noch rechtzeitig verkneifen, als er meinen Blick einfängt. Herr Siegert redet in einer Tour. Wir gehen in Stichpunkten noch einmal die Interviewfragen durch, die ich Ben Georg stellen soll. „Ich packe das nicht“, geht es mir durch den Kopf.
Am Presseschalter erhalten wir Bändchen, die für Eingang, Getränke und Essen berechtigen und werden mit Namensschildern ausgestattet. Auf meinem steht: Ludmilla Streife-Siebenhörn.

Wir stehen in der Nähe des Tresens. Damen in klassischer Schwarz-Weiß-Uniform reichen Sekt und Saft. Ich ziehe den Bauch ein und versuche unbemerkt meinen BH-Träger unter dem ebenso schmalen Kleid zu verstecken. Auf einmal sehe ich ihn. Mir wird heiß. Wie groß er ist. Er wirkt viel größer als im Fernsehen. Er steht mit dem Rücken zu mir, seine Schultern sind breit und stark. Sein schwarzes Sakko ist elegant, wirkt aber dennoch lässig und nicht zugeknöpft. Seinem Image bleibt er trotz rotem Teppich treu, denn er trägt seine legendären Boots, worin er aussieht, wie James Dean in guten Zeiten. Ein weiterer Herr gesellt sich dazu und Ben macht ihm Platz. Jetzt steht er seitlich und ich kann erkennen, dass er in der rechten Hand ein Glas hält, welches er just in diesem Moment an seine Lippen ansetzt. Ich starre auf seinen Adamsapfel und kann den Blick nicht lösen. „Frau Gottwald, ist alles in Ordnung?!“, jemand fasst mir an den Oberarm. Ich zucke zusammen. Herr Siegert steht neben mir und schaut mich fragend an. „Geht es Ihnen nicht gut?“ „Doch, doch, alles in Ordnung“, stammele ich und nehme schwer atmend die Hand von meinem Brustkorb. „Na dann los“, sagt mein Chef, „dann stelle ich Sie Herrn Georg jetzt vor. Also, Frau S t r e i f e – S i e b e n h ö r n“, er dehnt jeden Buchstaben einzeln aus und kneift sein rechtes Auge zusammen, „bereit zum Angriff?“ „Nein“, denke ich, schnappe mir ein Sektglas und leere es in einem Zug aus.
Das Interview läuft gut. Ich bekomme nicht viel mit, stelle keine der Fragen so, wie es auf dem Blatt vorgegeben ist, aber das scheint keinem weiter aufzufallen. Die einzige Notiz, die ich währenddessen aufgeschrieben habe, lautet: Ben Georg.
Die Stimme, die ich ab dem heutigen Tage nie wieder aus meinen Ohren bekommen werde, sagt: „Das war ganz bezaubernd. Sie waren ganz bezaubernd. Aber das nächste Mal erfahre ich etwas über Sie“, er lacht, „versprochen“?! Dabei zwinkert er mit den Augen und scheint darauf zu warten, dass ich etwas erwidere. Ich nicke mechanisch. „Vielleicht bei einem Glas Wein?“ Meint er das ernst?! Er flirtet mit mir, ich fall gleich vom Stuhl. Zum Glück sitze ich. Sein Manager weist auf die Zeit hin und er erhebt sich. Ich stehe auf. „Es war mir ein Vergnügen“, sagt er, nimmt meine Hand und schüttelt sie ein paar Sekunden länger als nötig. Dabei legt er seine linke Hand noch mal auf meine und schaut mir tief in die Augen. „Wir sehen uns, schon nächste Woche, ich freue mich! Wenn Sie etwas brauchen, melden Sie sich!“ Wenn ich etwas brauche? Was bitteschön, soll ich brauchen? Mein Asthmaspray wäre nicht schlecht, denke ich. Wir sehen uns? Nein, wir sehen uns nicht. Wir können uns nicht wiedersehen, niemals. Mir ist schwindelig.
„Frau Gottwald“, ertönt es laut neben meinem Ohr. Ich werde angesprochen, nehme aber gar nicht wahr, dass ich gemeint bin. „Kommen Sie, das Essen wartet“, trällert Herr Siegert. Essen? Ich kann doch jetzt nichts essen. Ich drehe mich zu ihm um und er schiebt mich energisch durch die Menge bis zu unserem Tisch. „Das haben Sie fabelhaft gemacht! Wunderbar! Herr Georg war ja ganz begeistert! Darauf stoßen wir an!“. Mir ist schlecht. Ich entschuldige mich, lasse Tasche und Jacke auf meinem Platz liegen und entschwinde in Richtung des WC-Schildes. Da steht er. Er sieht mich. Und winkt. Er winkt mir zu. Er hebt seine Hand und macht ein Zeichen, so als ob wir telefonieren werden. Ich nicke ihm zu, verschwinde im Vorraum der Damen-Toilette und übergebe mich ins Waschbecken.

2016 © Stefanie Steenken
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